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Los geht's

Big Data und der digitale Ungehorsam

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Einleitung

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Der bisher nur sehr schwache Protest der Deutschen gegen die massenhafte Überwachung durch fremde und eigene Geheimdienste überrascht. Viele glauben nicht wirklich, sie besäßen Informationen, die abschöpfungswürdig sind. Doch gibt es überhaupt noch unsensible Daten?
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Eine Party und du drehst einen kleinen Film. Das Video zeigt dich ausgelassen. Später lädst du das Video auch ins Internet. Viele hinterlassen solche digitale Spuren, aber nur wenige können sich vorstellen, dass diese zur Berechnung der eigenen  Kreditwürdigkeit herangezogen werden können. Die SCHUFA arbeitet an solchen Vorhaben.
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Nicht länger bedienen sich nur die verschiedenen staatlichen Stellen. Auch Unternehmen wie Google, Amazon und Microsoft zeigen großes Interesse an der Verfügbarkeit sogenannter Meta-Daten, denn viel wichtiger als der spezifische Inhalt der Kommunikation ist heute die Struktur und das Muster der Daten. Es ist interessanter zu erfahren, wie du auf eine Seite im Internet gelangt bist, als das Wissen darüber, was die Webseite zeigt. Diese Sammelwut bringt auch Risiken für Protestakteure mit sich.
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Eric Mülling

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Big Data

Der Analyst Doug Laney beschrieb die Herausforderungen des Datenwachstums als dreidimensional. Diese drei Dimensionen beschreiben ein stetig wachsendes Volumen der Daten, bei gleichzeitiger Steigerung der Geschwindigkeit der Datengewinnung und -verarbeitung. Die dabei generierten Daten sind höchst unterschiedlich. Big Data analysiert alle vorhandenen Daten gemeinsam und ist auf unstrukturierte und nicht konsistente Daten hin optimiert.
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Verwendet wird der Begriff Big Data zum ersten Mal in einem Aufsatz von 1970 über Wassertiefen. Mit den Jahren erlangt Big Data Bedeutung für die Entwicklung von Hard- und Software. Eine lange Forschungstradition gibt es aber nicht. Das liegt an der großen Zahl von Forschungsdisziplinen, die mit Big Data arbeiten. Hierdurch ist die Bildung einer weltweiten Forschungsgemeinschaft erschwert. Die Sozialwissenschaften beschäftigen sich mit den Auswirkungen von Big Data auf Politik und Gesellschaft.
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Forscher untersuchen die unterschiedlichsten Themen. Ökonomen sehen in Big Data einen Angriff auf bisherige Geschäftsmodelle und geben Ratschläge, um die eigene Marke zu schützen. In den Naturwissenschaften helfen die Datenmengen den Klimawandel besser zu verstehen. Politikwissenschaftler analysieren Medien in China und schalten so die Zensur aus. Somit vollzieht sich ein Wandel. Die computergestützten Geisteswissenschaften reagieren auf das Problem der Millionen-Bücher und -Quellen, die kein Forscher mehr lesen und erfassen kann.
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Probleme bereiten noch immer die effiziente Speicherung und die Verteilung und Bereitstellung der großen Datenmengen. Oft herrscht eine große Unsicherheit in den Daten, weil sie häufig aus unsicheren Quellen stammen. Häufig gibt es gar keine richtige Fragestellung nach der die Daten erhoben und später genutzt werden sollen. Es herrscht das Kredo vor: Erstmal die Daten sammeln. Außerdem wird der Datenschutz als großer Kostenfaktor wahrgenommen. Schließlich sind Anonymisierungsverfahren kompliziert zu programmieren.
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Die Enthüllung der Überwachungsprogramme PRISM und Tempora durch den Whistleblower Edward Snowden haben gezeigt, wozu Big Data auch eingesetzt werden kann. Riesige Datenbanken unterschiedlicher Geheimdienste speichern dutzende Petabytes (1 Petabyte = 1.000.000.000.000.000 Byte) an Kommunikationsverläufen. Staatliche Institutionen sammeln Daten von Millionen Menschen - ohne deren Wissen und Zustimmung. Internetkonzerne tun selbiges im Sinne ihrer Werbekunden. Während der Protest in der Bundesrepublik verhalten bleibt, versuchen Aktivisten im Netz eine Änderung der Verhältnisse vorzunehmen.
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Digitaler Ungehorsam

Normalerweise sammeln sich Protestakteure in Bewegungen oder organisieren sich in Parteien. Mittlerweile gehen sie zwei verschiedene Wege. Entweder versuchen sie das Zentrum der Gesellschaft neu auszurichten oder sie fordern eine Befreiung von zentralistischer (algorithmischer) Bevormundung, also den Aufbau neuer, vom Zentrum unabhängiger Räume. Die Hackerszene in Deutschland ist dank des Chaos Computer Clubs stark und Aktivisten fühlen sich angestachelt von den Bekanntgaben Snowdens.  Andere Initiativen stellen ein Sammelbecken für die konzentrierte Unzufriedenheit der netzbasierten Protestbewegung dar.
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Peter Glotz (1939 -2005)
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Ausgangspunkt meiner Doktorarbeit ist das normative Verständnis eines gerechtfertigten zivilen Ungehorsams als eine Möglichkeit des Widerstandes. Der digitale Ungehorsam wäre dann eine auf das Internet fokussierte Variante, die in den liberalen Demokratien eine gerechtfertigte Widerstandsform demokratischen Protests wäre. In dieser Hinsicht würde das Handeln von Snowden legitim sein und könnte auch nicht durch den Hinweis auf die Sicherheit kriminalisiert werden. Es mutet grotesk an, dass die in den letzten Jahren bekannt gewordenen Protestakteure des Internets entweder zu langen Haftstrafen verurteilt oder mit Auslieferungsverfahren versehen werden. Gleichzeitig flüchten sie in Länder wie Russland, China oder Ecuador, die allesamt keine liberalen Demokratien sind. Offenbar deswegen, weil die westlichen Demokratien ihre Enthüllungen als großes Sicherheitsrisiko und nicht als notwendige demokratische Maßnahmen zur Schaffung von Öffentlichkeit wahrnehmen.

Dazu passt, dass der Politiker, Publizist und Kommunikationswissenschaftler Peter Glotz in seinem schon 1983 erschienenen Buch Ziviler Ungehorsam im Rechtsstaaterklärt, dass die Bundesrepublik Deutschland zwar eine parlamentarische Demokratie, aber der Bürgerprotest nur ein „halb-legitimer Bestandteil unserer Verfassungswirklichkeit“ ist. Glotz beschreibt damit genau die bis heute andauernde Diskussion um die Legitimität von bürgerlichem Widerstand gegen die Staatsgewalt, die sich in der bewussten Übertretung von Gesetzen aus Gewissensgründen manifestiert. Das wesentlichste Konzept des bürgerlichen, gewaltfreien Widerstandes ist der zivile Ungehorsam (Kleger 1993). Insbesondere das Konzept des gewaltfreien Widerstandes hat sich zu einem wichtigen Element des Protests entwickelt.



Peter Glotz (1939 -2005)
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Die Zivilität des Ungehorsams zeigt sich darin, dass er friedlich und öffentlich bleibt. In demselben Maße führen zum Beispiel Whistleblower ihre Argumente für die Aufdeckung von Geheimnissen an und erhöhen durch diese Ungehorsams-aktionen den Preis für eine bestimmte Politik. Mein Erstbetreuer Professor Dr. Heinz Kleger hat sich damit bereits 1993 in seinem Buch Der neue Ungehorsam: Widerstände und politische Verpflichtung in einer lernfähigen Demokratie auseinandergesetzt. PD Dr. Ansgar Klein beschäftigt sich als Herausgeber eines Forschungjournals mit verschiedenen Formen von sozialen Bewegungen und ist daher als Zweitbetreuer für mich sehr wichtig.
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Aktivisten, die die globale Überwachungspraxis aufdecken, geraten zunehmend unter Druck. Sie sind durch Big Data besonders bedroht. Protestakteure verlieren ihre Datenhoheit, Datenprofile werden einmal erhoben, und immer wieder neu verwendet. Das schränkt das Handlungspotenzial ein und erschwert neue Ungehorsamsaktionen. Die hegemoniale Überwachungspraktik unterwirft Netzaktivisten der sozialen Kontrolle und rechtfertigt dies mit dem „War on Terror“.
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Das Bundesland Bayern betreibt aktiv „Predictive Policing". Dort wird schon seit einiger Zeit das Programm „precobs“ mit Daten über Einbrüche gefüttert. Ein Oberhausener Unternehmen entwickelt die Software stetig weiter. Die Prognosetechnik kann mittlerweile Vorhersagen darüber treffen, in welchen bayrischen Wohngegenden die nächsten Straftaten zu erwarten sind. Die Polizei nutzt diese Erkenntnisse, um in den Risikogebieten verstärkt Präsenz zu zeigen. Das sind Technologien, die auch gegen ungeliebte Proteste eingesetzt werden können und bereits eingesetzt wurden.
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Abschluss

Meine Doktorarbeit nimmt sich der Big-Data-Techniken an, zeigt ihr Risikopotenzial für Akteure des digitalen Ungehorsams auf und untersucht das gesellschaftliche Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Freiheit im Netz. Ich versuche also die Frage zu beantworten: Wie bedroht hegemoniale Datenverarbeitung Netzaktivisten und ihren digitalen Ungehorsam?









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Eric Mülling

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